Die ersten wurden an Flughäfen gesichtet, als mürrisches Personal krampf-haft versuchte, nicht superstolz zu gucken, weil es mit einem futuristischen Zweirad seine Runden machte. Dann sah man kichernde und fröhlich quiet-schende Touristengruppen Europas Hauptstädte damit entdecken und ge-wöhnte sich an den Anblick. Zuletzt kreuzten Off-Road-Modelle die Pfade von Wanderern und seither ist klar: Segways sind in der Gesellschaft angekom-men. Jetzt bringt die Firma mit den automatisch ausbalancierten Hightech-rollern eine Variante für zwei Personen auf den Markt und will damit die beengten Fahr- und Parkräume der Großstädte aufmischen. PUMA rollt auf uns zu.
Ein Elektroflitzer gibt Gas
Die Geschichte des Segway ist so rasant und faszinierend wie das Gefährt selbst. Vor zehn Jahren gründete der vor allem in der Medizintechnologie renommierte Erfinder Dean Kamen ein Unternehmen mit der Vision, emissi-onsfreie Transportmittel auf der technologischen Basis der „dynamischen Stabilisierung“ zu entwickeln. Segway ist geboren. Schon 2001 präsentiert Segway den ersten Personal Transporter. Die Entwicklungskosten werden mit 100 Millionen US Dollar benannt. Große Teile des Marketings laufen ü-bers Internet, der Versandhändler Amazon gehört zu den ersten, die den PT ins Angebot aufnehmen. Es folgen verschiedene Verbesserungen und bran-chenbedingte Neubauten wie die Robotic Mobilty Platform (RMP). 2004 kommt mit dem „Concept Centaur“ das erste vier-Rad-Konzeptfahrzeug auf Basis der dynamischen Stabilisierung auf den Markt und wird prompt vom TIME Magazine zu einer der wichtigsten technischen Innovationen des Jahres gekürt. Schon im Jahr 2006 hat Segway sein Vertriebsnetz so aufge-stockt, dass in 61 Ländern direkt vor Ort die vielen Einzelmodelle erhältlich sind – unter anderen auch in Deutschland. Hier empfiehlt das Bundesver-kehrsministerium nach einer Feldstudie die Zulassung des Segway PT auf Rad- und Fußwegen sowie in Fußgängerzonen. Die Entscheidungen darüber liegen aber bei den Ländern und Kommunen. Hamburg genehmigt die ersten Stadtrundfahrten per Segway in der Bundesrepublik. Und im selben Jahr stellt die Firma die zweite Generation des Personal Transporters vor. Der i2 wird ausschließlich über die Körperbewegungen seines Fahrers gesteuert. Der Siegeszug des neuen Gefährts setzt sich fort, es folgen die Zulassung als Mobilitätshilfe in Ausnahmefällen und Polizeistationen nutzen das Zweirad für Streifenfahrten. Das Bundesverkehrsministerium arbeitet zurzeit noch an der einheitlichen Verordnung für die Zulassung von Segways in Deutschland.
Alles eine Frage der Balance
Die Einmaligkeit der Segways liegt in ihrer Fähigkeit, sich selbst auszuba-lancieren. Der Fahrer lenkt fast nur durch die Verlagerung seines Gewichts – und was sich hier unglaublich anhört, lässt sich in fünf Minuten lernen. Dann kann’s los gehen. Die LeanSteer Lenkstange neigt sich nach links und rechts – in Reaktion auf die Neigung des Körpers, mit der der Fahrer die Richtung angibt. Währenddessen zeigt das kabellose InfoKey Steuergerät laufend Informationen über den Batterieladestand, die Geschwindigkeit und zurückgelegte Entfernung an. Der i2 ist in Weiß oder in eloxiertem Schwarz erhältlich, aber wie bei allen interessanten Zweirädern, steht auch beim Segway zur weiteren Individualisierung eine Vielzahl von Zubehör zur Verfü-gung, mit denen sich das Gefährt „aufmotzen“ läßt. Übrigens kann die Höhe der LeanSteer Lenkstange an die Bedürfnisse des Fahrers angepasst werden und ermöglicht dadurch auch einfaches Verladen im Kofferraum eines Au-tos.
Vom Funmobil zum Nutzfahrzeug
Inzwischen wird das Gefährt auch in Firmen zum Lastentransport einge-setzt. Vorreiter ist Volkswagen: Die Autobauer haben in einer Kooperation mit Segway einen Lasttransporter entwickelt, der auf lange Sicht den be-währten „Muli“ ersetzen könnte. Papiere, Kleinteile und natürlich Personal: In den auslandenden Fabrikgebäuden der Wolfsburger Autobauer, die schon mal 400 und 500 Meter lang sind, „läppern“ sich die Strecken schnell zu-sammen. „Das erste Muster wurde erfolgreich getestet, und jetzt sind die ersten drei Leasinggeräte, die bis zu 25 Kilogramm Material transportieren können, im Einsatz“ heißt es in der VW-Werkszeitung autogramm. Immer öfter fällt das für Laien nach wie vor gewöhnungsbedürftige Gefährt auch auf Golfplätzen ins Auge. Vor allem das knapp 55 kg schwere Modell x2 bringt Schwung in die eher beschaulichen Wegstrecken. Dabei kommt dem Transporter zugute, dass er zwar mit 20 km/h kein Flitzer zwischen den Löchern ist, aber mit speziellen Niedrigdruckreifen die empfindlichen Rasenflächen schont. Eine mit wenigen Griffen montierbare Halterung für den Golfsack ermöglicht einfachen Transport und gute Erreichbarkeit der Ausrüstung. Die Scorecard-Halterung nimmt die Card, Golfbälle und Tees auf.
Segway Reloaded
Jetzt also kommt der neue Flitzer auf die Straßen, der auch für zwei Perso-nen zugelassen sein soll. In einer Kooperation von Segway mit dem ange-schlagenen Autobauer General Motors (GM), haben die die beiden Firmen das Projekt P.U.M.A. entwickelt, den Personal Urban Mobility & Accessibility Prototyp. „Es handelt sich dabei um ein Arbeitskonzept, das dabei heraus kommt, wenn man kluge Köpfe mit dem Ziel einer neuen Vision für die Zu-kunft innerstädtischer Transporte zusammen führt“, heißt es wenig zurück-haltend in einer Präsentationsschrift. Jim Norrod, CEO von Segway, be-schreibt das Fahrgefühl folgendermaßen: „Sie erhalten eine emotionale Ver-bindung, wenn sie einen Segway fahren. Der P.U.M.A. Prototyp verkörpert das auf eine umfassende Weise, indem er dynamisch Stabilisation, E-Gas-System und ausgeklügelte Batterien so vereint, dass eine Verbindung von Fahrer und Umwelt entsteht.“ Endlich: Mensch und Technik und Umwelt werden eins? Starke Worte ste-hen also im Raum, die sich mit an der harten Realität werden messen lassen müssen. Nach Angaben der Herstellerfirmen soll die Höchstgeschwindigkeit bei 55 Stundenkilometern liegen, die Reichweite mit einer Batterieladung bis zu 60 Kilometer betragen. Während die Karosserie von GM kommen soll, steuert Segway das Stabilisationssystem und die Batteriekenntnisse bei. Das Gefährt, nur halb so groß wie ein Smart, kutschiert natürlich nach wie vor nur auf einer Achse, lässt sich daher wie alle Segways auf der Stelle drehen und ist dank sparsamem Stromverbrauch umweltfreundlicher als jedes Au-to. Ein integriertes Navigationsgerät verrät innerstädtische Staus: „Es han-delt sich um kleine, flotte Elektrofahrzeuge, die stets wissen, wo sich andere Objekte befinden, und die so einen Zusammenstoß verhindern können“, preist das Pressematerial den neuen Protoflitzer an. Kleiner heißt nicht immer billiger, das ist bekannt. Der Preis für den P.U.M.A. soll nach Auskunft von GM knapp ein Drittel der Kosten für ein normales Auto betragen. Da ist also noch viel Spielraum in der Gestaltung. Und falls General Motors bis dahin noch existiert, könnten die ersten Flitzer 2012 vom Fließband in die Metropolen rollen.
