Hit the Ball, Alice!

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Von Ruhestand kann ohnehin bei Alice Cooper keine Rede sein. Der Rock-Opa, der in diesem Jahr sechzig wurde, denkt nämlich gar nicht daran, seinen Beruf an den Nagel zu hängen. Diesen Sommer wird er wieder die Säle füllen mit seiner Show aus Theater, Satire, Schockmomenten und reichlich Kunstblut. Mit auf Tour: seine geliebten Schläger, ohne die der Rocker das Haus so gut wie nie verlässt. Alice Cooper ist kein normaler Amateur, er ist golfsüchtig.

Chronolgie des Golfmonster

Ein Blick in sein Buch „Golfmonster“ zeigt, dass der extreme Hang zum Golf nur konsequent ist. Was immer Vincent Damon Furnier angefangen hat, verfolgte er mit seiner ganzen Leidenschaft und einer bewundernswerten Disziplin. Das Buch ist ein Sammelsurium aus Lebensfakten, skurilen Anekdoten aus dem Showbiz der letzten vierzig Jahre und einer ganzen Menge Golferweisheiten. Erzählt wird wild durcheinander. Die Rocker-Episoden folgen Anfangs noch einer Chronologie, die immer wieder durch Golfkapitel unterbrochen wird. Mit den ersten Erfolgen der Band wird es bereits chaotisch. Rückblicke und Vorgriffe machen es manchmal schwer, die Geschichten zeitlich einzuordnen. Alles in allem tut das Erzählchaos der Unterhaltung keinen Abbruch. Hier gibt es keine klare Ordnung, sowenig wie es eine klare Trennung zwischen den Themen Rock-n-Roll und Golf gibt. Vielleicht ist das der rote Faden und die überraschende Erkenntnis in „Golfmonster“: Golf und Rock sind eigentlich gar nicht so unterschiedlich, wie es scheint. „Ein Ass und ein Nummer-eins-Hit gehören in die gleiche Liga – die Chance, dass du eins von beiden schaffst, ist astronomisch gering.“ Kein Wunder, dass der Suchtmensch Alice Cooper nach drei Assen und mehreren Nummer-eins-Hits von keiner seiner Lieblingsbeschäftigungen lassen kann und möchte. Der Kick, der immer wieder Adrenalin fließen lässt, regiert den Schockrocker und den Golfer gleichermaßen. Während die Musik und die damit verbundene Bühnensucht schon zu College-Zeiten Kontrolle über Vincent Furnier gewann, kam das Golfmonster, das ihn heute in seinen Fängen hält, erst später dazu. 1983 kam er endgültig von seiner Alkoholsucht los und brauchte eine neue Beschäftigung zwischen den Auftritten. „Im September 1983 besiegte ich meine Dämonen. Ich brauchte eine neue Sucht, einen neuen Halt im Leben. Also vertiefte ich mich ins Golfspiel. Ich wollte das Spiel unbedingt genau studieren und viel ernster nehmen. Von nun an begann ich jeden Tag mit Golf und spielte sechsunddreißig Löcher. Ich fand heraus, dass ich zehn Stunden am Tag mit Golf ausfüllen konnte. Das war mein erster und wichtigster Schritt zur dauerhaften Nüchternheit – und mein erster Schritt auf dem Weg zur Golfsucht! Sechsunddreißig Löcher am Tag, ein Jahr lang. Ich wusste, dass mir eine ziemlich schwere Golfsucht drohte.“ Seit dieser Zeit tourt der Erfinder des Shock-Rocks nicht mehr ohne seine Schläger. Egal wohin die Tour geht, der erste Weg führt generell auf den nächsten Platz. Wenn er morgens um drei in Finnland ankommt und die Sonne noch scheint, werden erst einmal achtzehn Löcher gespielt. Das gleiche gilt für Plätze mitten in der Wüste, den ersten Golfplatz in Moskau, und natürlich die besten Plätze in ganz Europa und Amerika. Weil er weit mehr herumkommt als andere Berufsreisende, hat er in den letzten dreißig Jahren vermutlich mehr Plätze bespielt, als so mancher Pro. Da er nicht nur mit einer ausgeprägten Golfsucht sondern auch noch mit einem Ausnahmetalent und einer bewundernswerten Disziplin ausgestattet ist, stellte sich natürlich gelegentlich die Frage, ob er seine Bühnenaccessoires wie Peitsche, Schwert und Schlange nicht einfach an den Nagel hängen sollte und Profi werden. Alice aber denkt gar nicht daran. Auch wenn es ihm selbst fast immer gelingt, Par zu spielen, bleibt dem Rocker mit einem Handycap von 3 doch noch eine gehörige Portion Respekt vor den Profis. Er genießt es, mit Pros zu spielen, sie zu imitieren und von ihnen anerkannt zu werden. Vielleicht bleibt er lieber ein Ausnahme-Amateur, der es allen zeigt, als irgendein Pro, der doch niemals an den großen Tiger heranreichen würde. „Wer immer heute auf den zweiten Platz kommt, ist Tiger weit unterlegen, was Ausdauer und Disziplin anbelangt. Das Gleiche gilt für die Beatles in der Musik. Sie setzten Normen, die heute noch gelten. Meiner Meinung nach war nie jemand fetziger als die Beatles.“

Karriere als Achterbahnfahrt

Dabei kann der Mann, der als Beatles-Imitator anfing immerhin von sich behaupten, dass der größte Golfer aller Zeiten nicht unwesentlich für seinen Ruf als Spitzengolfer verantwortlich ist. „Ich habe in meinem Leben drei Komplimente erhalten, auf die ich immer stolz sein werde: Groucho Marx sagte, Alice Cooper sei die letzte Hoffnung des Varietés. Bob Dylan sagte: Ich glaube, Alice Cooper wird als Songwriter unterschätzt. Tiger Woods sagte, er würde mir keine zweite Chance geben.“ Alice Cooper selbst, der in dieser Hinsicht viel bescheidener ist, als man denken würde, hält dieses Kompliment für maßlos übertrieben und sehr nett. „Die Wahrheit ist, Tiger könnte mir fünf Schläge für neun Loch geben und mich trotzdem abhängen. Aber es war nett von ihm, das zu sagen, weil es mein Image verbessert hat.“ Was immer wieder interessant ist an diesen kleinen Geschichten ist, dass wohl jeder Leser seinem Bild von der öffentlichen Person Alice Cooper gründlich revidieren muss. Wie groß muss der Graben sein, der zwischen dem arroganten Fürsten der Finsternis, der Bühnenfigur Alice Cooper und dem perfektionistischen aber letztlich doch bescheidenen Privatmann verläuft. Mit der Begeisterung eines kleinen Jungen erzählt er von Begegnungen mit Elvis, Fred Astaire, Groucho Marx, Peter Sellers, John Lennon, David Cassidy, Lou Reed, den Doors, Aerosmith, Andy Warhol, Dalì und vielen anderen. Mit einigen der ganz Großen war er fest befreundet, andere sind ihm nur kurz begegnet und brachten dem Enfant Terrible der siebziger und achtziger Jahre eine erstaunliche Achtung entgegen. „Ich habe Glück gehabt, so viele Legenden zu treffen. Aber der Tag, an dem ich Frank Sinatra traf, war einer der Höhepunkte, wenn nicht der Gipfel meiner Showbiz-Karriere.“ Um das Glück perfekt zu machen, sang Sinatra auch noch einen Alice-Cooper–Song und posierte mit dem zum Bersten stolzen Musiker für ein Foto. „Ich schickte meiner Mutter das Foto von Sinatra und mir. Sie sagte, jetzt habe sie wirklich das Gefühl, dass „der kleine Vince es geschafft hat“. Meine Begegnung mit Sinatra war für sie der Beweis“. Der „kleine Vince“, der Mann, der in England, Australien und anderen Ländern immer wieder Auftrittsverbot bekam, gegen den sich Elterninitiativen formierten und der in den Mythen der Musikindustrie als bluttriefendes Monster daherkam, muss ein erstaunlich netter, fast rührender Sohn gewesen sein. Kein Wunder, dass sich seine Eltern immer wieder hinter ihn stellten. Auch dann noch, als sein Vater als Gemeindepfarrer permanent angegriffen wurde, weil die Gesellschaft den Hit „School’s out“ für jugendgefährdend hielt. „Ich kenne meinen Sohn. Ich weiß, wer dieser Alice Cooper ist. Er ist so normal wie jeder andere, außer dass er sich auf sehr künstlerische Weise ausdrückt. Er ist kein drogenabhängiger Teufelsanbeter. Ich verstehe seinen Humor.“

Tipps vom Schock-Rocker

Auch heute noch, wo das Schockierende der Alice-Cooper-Figur längst durch die Nachahmer im Business (zum Beispiel Kiss oder Marilyn Manson) verwässert wurde, sorgt der eigenwillige Künstler gerne für Konflikt zwischen den Generationen. So gibt er seinen jugendlichen Fans, gerne einen Tipp mit: „Wenn ihr euren Vater wirklich unter der Gürtellinie treffen wollte, dann sagt ihm, Alice Cooper, dieser Freak mit dem Make-up, könnte am Samstag mit ihm auf den Golfplatz gehen und ihn auf dem Grün auseinander nehmen“. Der Mann weiß eben, was gelungene Provokation ist. Eine inszenierte Selbsthinrichtung auf der Bühne oder auch der Einbruch des Rockers in eine der bestgehüteten Domänen des Establishments, den Golfsport. Warum aber spielt Alice nun so versessen Golf? Aus Provokation? Nein, der Grund ist viel einfacher und beinahe schon bürgerlich: „Einer der richtigen Gründe, warum ich Golf spiele, ist Stressabbau. Ich bin kein Rentner. Ich arbeite so hart wie andere (oder härter). Mein Terminplan ist fast sieben Tage in der Woche gefüllt. Ich habe mehrere Jobs, bin sechs Monate im Jahr auf Tournee, tägliches Rundfunkprogramm, eigenes Restaurant, die Stiftung und ich arbeite an meinem neuen Album.“ Außerdem macht ihn das Spiel stark für den Tag: „Wenn mir ein harter Tag bevorsteht, der um ein Uhr Nachmittags beginnt und um neun Uhr Abends endet, spiele ich achtzehn Löcher von sieben bis Mittag. Dann bin ich für den schweren Tag gewappnet.“ Golf wappnet aber nicht nur für harte Arbeitstage, es hilft auch gegen kleine Unannehmlichkeiten. „Ein lächerlicher Bluttest macht mich verrückt; aber wenn ich achtzehn Löcher spiele werde ich mit fast allem fertig.“ Wie bitte, der Typ, der sich auf der Bühne regelmäßig den Kopf abschlagen lässt, hat Angst vor dem Blutabnehmen? Wieder einmal hat der Leser den Eindruck, da passt doch etwas nicht zusammen. Der Schlüssel für die Spaltung liegt vielleicht schon im Wesen der Bühnenfigur Alice Cooper. Die Gruppe, die als Schulband damit angefangen hatte Beatlessongs zu covern suchte zur besten Flower-Power-Zeit ein Image, das allem widersprach, was die Leute kannten. Liebe, Frieden, Wildleder und Perlen setzten die Rocker ein komplettes Kontrastprogramm entgegen. Nach verschiedenen Namenswechseln gaben sie sich schließlich diesen verstörenden Mädchennamen. Alice Cooper. „Ich stellte mir ein kleines Mädchen mit einem Dauerlutscher in der einen Hand und einem Schlachtermesser in der anderen Hand
vor.“ Schminke und Outfit wurden inspiriert von einer Reihe Filmgestalten. Heraus kam eine Mischung aus Bette Davis in „Was geschah wirklich mit Baby Jane“, Barbarella und Emma Peel. Den Rest des Images erledigten die Auftritte und der Ruf, der der Band immer vorauseilte: „Die Gerüchteküche war immer unser bester Freund. Als der Alice-Cooper-Circus in die nächste Stadt zog, warteten vier oder fünf neue Mythen über Blut und Exzesse auf uns.“ Dass die Jungs viel braver und moralisch integer waren, musste ja niemand wissen. Zu den üblichen Gerüchten gehört beispielsweise, dass Alice auf der Bühne Tiere quäle. Das einzige Opfer, das die Bühnenshow jemals forderte war ein Huhn, das auf nie geklärte Weise eines Tages den Weg auf die Bühne fand. Alice warf es in Publikum, in der Annahme, es könne fliegen. Konnte es dann aber nicht. Noch heute geht der Vorfall dem Sänger nah: „Die Wahrheit ist, dass ich auf der Bühne niemals einem Tier wehtue – was 1969 mit dem Huhn geschah, tat mir schrecklich leid.“ Auch für die Schlangen, mit denen sich Alice Cooper auf der Bühne behängte, konnte es Schlimmeres geben, als bei der Band zu leben. Alice passte immer auf, dass er die Riesenwürger so hielt, dass sie keine Angst haben mussten, runter zu fallen. Sie bekamen ordentlich Ratten und Häschen zu Essen und nach einem erfüllten Bühnenleben, gab er die Tiere in einen Streichelzoo. Als eine Schlange namens Popcorn einmal nicht nur ihre Ratte verspeiste, sondern auch noch ihr Heizkissen, wurde sie umgehend zum Tierarzt gebracht und notoperiert. Danach ging das Tier in Frührente.

Das Alter Ego erwacht

1974 ändert Vincent seinen Namen offiziell in Alice Cooper. Die ursprüngliche Band war nach Jahren der Dauertournee auseinander gebrochen und Alice machte mit wechselnden Musikern weiter. Das Leben auf der Bühne forderte seinen Tribut und irgendwann war der vollkommen ausgebrannte Alice ein einziges Alkoholwrack. Dass das keinem so richtig auffiel, lag daran, dass er trotz täglicher Alkoholexzesse arbeitete wie ein Tier und nie negativ auffiel: „Selbst als ich am stärksten trank, war ich ein netter Kerl. Ich war kein zorniger, schwieriger, gemeiner oder gewalttätiger Trunkenbold. Ich war ein netter Trinker – ein reicher erfolgreicher, ehrlicher Trinker – und ich schrieb meinen Ruhm, meine goldenen Schallplatten, meinen Mut und meinen Willen zum Erfolg unbewusst dem Alkohol zu.“ Doch für den Erfolg, so wurde ihm später bewusst, war ein ganz anderer Stoff verantwortlich, der ihn berauschte und stärker wirkte als jeder Wiskey: Adrenalin. Deshalb kam es für den disziplinierten Arbeiter Alice auch nie in Frage, eine Show abzusagen. „Es gibt keine Ausrede gegenüber dem Publikum, die Leute haben schwer verdientes Geld dafür bezahlt, um mich zu sehen. Wenn es mir schlecht geht, müssen sie es nicht wissen. Ich reiße mich zusammen und betrete die Bühne – und sobald ich mein Make-up trage und die Lampen angehen und die Menge brüllt, übernimmt das Adrenalin das Kommando.“ Die Mischung aus Pflichtbewusstsein und Rampensucht zieht bei Alice noch, als er dem Alkohol längst entsagt hat. So kommt es auch, dass der Golfer auch dann noch die Ruhe weg hat, wenn in Momenten größter Konzentration das Publikum sich gebärdet, als sei es auf einem Rockkonzert. „Sie jubeln wenn du näher kommst, und kreischen deinen Namen. Das lenkt mich nie ab – ehrlich gesagt, es gibt mir das Gefühl, ein Held zu sein. Adrenalin spielt beim Golf eine wichtige Rolle. Wenn massenhaft Leute zuschauen, spornt es dich an, dein Bestes zu geben.“ Alice ist Unterhalter und ein Kostüm weckt Erwartungen: „Ich zog mich auffälliger an, weil ich herausfand, dass ich umso besser spielte, je mehr Leute mir zuschauten. Wenn ich eine bizarre grüne Hose und ein heißes rosa Zebrahemd trage, muss ich einfach gut spielen. Wenn ich 105 Schläge brauche, bin ich ein Clown. Wenn ich 73 brauche, bin ich ein Genie.“

Das GrĂĽn ist seine neue BĂĽhne

So ähnlich muss es wohl auch mit seinem Alter Ego auf der Bühne funktionieren. Um in die 160 Figuren einzutauchen, um wirklich Alice zu werden, braucht der nette Rocker von nebenan Rituale und eine Menge Make-up. „Das Make-up trennt mich von Alice.“ Alice, dem arroganten Superhirn, der mit Stock, Zylinder, Smoking und einer Riesenschlange wirkt, wie eine Figur aus der Unterwelt. Dabei ist der Sänger selbst bekennender Christ mit dem Anspruch, die Welt ein bisschen besser zu machen. Zum Christentum hat der exzentrische Rocker zurückgefunden, als er den Alkohol besiegte. Einen Konflikt zwischen seiner Gesinnung und seiner Show sieht der Musiker an keiner Stelle: „Fluchen und Nacktszenen waren in meinen Shows von Anfang an verboten. Nichts, was ich dort oben tue, ist unmoralisch. Wenn ich unmoralisch wäre, würde ich es bestimmt merken und abstellen. Ein großer Teil der Show ist satirisch und zynisch. Alice ist ein übersteigertes Zerrbild der Gesellschaft – ich halte dem Bösen einen Spiegel vor, damit die Leute darüber nachdenken.“ Die Welt braucht eben nicht nur mehr Moral, sondern auch mehr Satire, meint Alice. Zum Nachdenken, das muss der Leser dem Rocker lassen, bringt er tatsächlich. Und wenn es nur das Nachdenken über die eigenen Vorurteile ist, die einem irgendwo einflüstern, dass ein Rocker, der mit Waffen, Blut und Schlangen rumfuchtelt ein Satanist sein müsse. Dabei ist einfach naiv zu glauben, dass ein Grusel-Make-up Schlüsse zulässt auf die moralische Gesinnung eines Künstlers. Oder davon auszugehen, dass ein langhaariger zotteliger Rockstar nicht an der Weltspitze mit golfen könnte, wenn er das denn wollte.

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